Der Tod fährt mit: Was darf denn ein Testfahrer bei Daimler kosten?

12. August 2013


Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt gegen mehrere Unternehmen, die für Daimler unter anderem Test- und Probefahrten unternehmen. Nach einem Bericht der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ), die sich wiederum auf die „Südwestpresse“ beruft, werden zumindest bei einem dieser Firmen rumänische Gastarbeiter für einen Stundenlohn unter vier Euro beschäftigt. Bei Prüfungen des Zolls, der u. a. Schwarzarbeit verfolgt, sei zudem der Verdacht aufgekommen, dass es sich dabei um Scheinwerkverträge handeln könnte, also um eine unzulässige Arbeitsnehmer-Überlassung. Laut FAZ seien bereits einige Ermittlungsverfahren eingeleitet worden und zugleich werde überprüft, ob es eine Mitverantwortung von Daimler als Auftraggeber gebe. Eine Daimler-Sprecherin wird zitiert: „Wir gehen davon aus, dass unsere Partner sich an Recht und Gesetz halten und der Vorgang werde durch die Einkaufsabteilung geprüft“.Den „guten Glauben“ kann man ja niemandem absprechen. Doch die Verdachtsmomente, dass man es in puncto Werkverträge in Stuttgart nicht immer so ganz genau nimmt, mehren sich. Und das vor kurzem vom Landesarbeitsgericht Stuttgart gefällte Urteil gegen Daimler, in dem es zwei bei einem dritten Unternehmen angestellte IT-Experten eine Festanstellung beim Konzern zusprach, da sie bislang mit Scheinwerkverträgen ausgestattet gewesen seien, spricht eigentlich Bände. Bleibt zu hoffen, dass sich der Betriebsrat – durch das Urteil ermutigt – künftig noch stärker bei diesem Thema engagiert.Doch zurück zu den rumänischen Testfahrern, die also wahrscheinlich zu einem Hungerlohn für einen Konzern arbeiten, der weltbester Premium-Anbieter sein oder werden will. Die genaue Aufgabenbestellung der Rumänen ist noch nicht bekannt, doch dürfte sich ihre Tätigkeit sicher nicht nur auf Überführungsfahrten beschränken. Und selbst wenn – ein Geschoss, was beispielsweise über 500 Pferdestärken verfügt und über 300 km/h schnell ist, kann auch durchaus versierten Autofahrern Probleme bereiten. Stellt sich die Frage, wie die Fahrer ausgesucht werden, ob es eine Zertifizierung gibt oder man das eben alles den Subunternehmern überlässt.Das letztere ist zu befürchten und die Schlussfolgerung liegt auf der Hand, das qualifizierte Testfahrer, auch wenn sie aus Rumänien oder anderen ehemaligen Ostblockländern stammen, sicher nicht für einen Stundenlohn von weniger als vier Euro ins Auto steigen. Und es fällt schwer zu glauben, dass die Einkaufabteilung nichts von diesen Hungerlöhnen wusste, da Stuttgarter Insidern zufolge sowohl Zulieferer als auch Subunternehmer ihre Bücher und damit auch ihre Kalkulation in der Regel offenlegen müssen. Selbst wenn Daimler dem Unternehmen beispielsweise 20 Euro pro Stunde für eine Testfahrt überweist und davon nur knapp vier Euro beim Mitarbeiter hängenbleiben, muss das aufgefallen sein.Doch das Ganze hat ja auch noch einen anderen, noch wichtigeren Aspekt. Nämlich den der Sicherheit. Dabei ist nicht die Rede von einem Unfall in Berlin, der im letzten Jahr bei einer Schulung für ausländische Verkäufer mit den CLS Shooting Brake passierte. Und auch nicht den laut Spiegel online auf dem Testgelände in Papenburg (Emsland) durch das Fehlverhalten eines Praktikanten verursachten tödlichen Unfall eines professionellen Fahrzeugtesters der Mercedes-Tochter AMG. Es geht um Test- und Versuchsfahrten, die eben nicht nur auf Teststrecken und nicht-öffentlichen Straßen, sondern laut Polizeiangaben auch auf Autobahnen wie beispielsweise auf der A5 und der A81 absolviert werden. Und natürlich die Winter-Testfahrten in den hohen Norden, wo von nahezu allen Herstellern die Kolonnenfahrten bis ins Ziel inzwischen von den schwedischen und finnischen Einwohnern gefürchtet werden. Ein in 2005 durch einen Mercedes-Testfahrer verursachter Unfall, bei dem eine Mutter von zwei Kindern ums Leben kam ist dabei wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs. Bedenklicher ist aber, dass Mercedes verlauten ließ, dass der Mitarbeiter sich an die Verkehrsvorschriften gehalten hätte, ihn aber ein schwedisches Gericht neben einer Geldstrafe wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilte.Auch in Deutschland gab es spektakuläre Unfälle mit tödlichem Ausgang. Vielleicht noch in Erinnerung der festangestellte Test-Ingenieur, der im Juli 2003 durch wohl zu dichtes Auffahren auf der Autobahn bei Karlsruhe eine junge Mutter so irritierte, dass sie von der Straße abkam – sie und ihre zweijährige Tochter tot. Oder im April 2010, als ebenfalls ein festangestellter Mercedes-Testfahrer auf der A81 bei Rottweil mit einer Vorserienfahrzeug der M-Klasse einen nach einem Unfall auf der linken Fahrbahnseite sein Auto verlassenden jungen Mann überfuhr. Auch hier wieder laut Spiegel online der Stuttgarter Kommentar: Bei dem Testfahrer handelt es sich um einen erfahrenen Mann, der seit vielen Jahren unfallfrei fährt. Er habe zudem – wie alle Testfahrer – regelmäßig Schulungen besucht und hatte die Anweisung, sich strikt an die Straßenverkehrsregeln zu halten. Wir haben an den Äußerungen von Daimler nicht zu zweifeln – doch jeder weiß, das Papier, eben eine schriftliche Anweisung, sehr geduldig ist. Höchsttempo birgt nun einmal selbst für einen Routinier immer ein Restrisiko.Leider aber nicht nur für den Fahrer, sondern auch seine Mitmenschen und deshalb seit hier einmal der Paragraph 1 der Straßenverkehrsordnung zitiert: Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt oder gefährdet wird. Und das sollte sowohl das Ende der Test- und Erprobungsfahrten auf öffentlichen Straßen als auch das Ende des Anheuerns von Subunternehmen sein, die wahrscheinlich wie bei der Rekrutierung von Metzgern für das Entbeinen der Schweine und Rinder in den Schlachthöfen nur an ihren Profit denken. (Auto-Reporter.NET/Hans H. Grassmann)
   

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