Gratis Lehrmaterial: Auto-Lobbyarbeit in der Schule

11. Juli 2013


Mit zweifelhaftem Gratis-Lehrmaterial schleichen sich Autohersteller in Schulen ein. Sie nutzen die angespannte Lage vieler Schulen aus, die ihren Unterricht wegen Geldnot nur noch mit veraltetem Unterrichtsmaterial bestreiten. Wie AUTO BILD in der am Freitag erscheinenden Ausgabe berichtet, nehmen Unternehmen mit kostenlosen, hübsch gestalteten Materialien auf Unterrichtsinhalte Einfluss oder machen schlicht Werbung für eigene Marken. 854 kostenlose Firmenangebote zählte Eva Matthes von der Uni Augsburg 2011 im Internet, ein Jahr später waren es schon mehr als 10.000. Dazu kommen 156.000 Dokumente von Vereinen und Stiftungen. Unter den Autobauern ist Daimler am aktivsten: Materialien zu Antriebstechnik, Design oder Elektromobilität hält die hauseigene Genius-Initiative zum Download bereit. Offiziell, um den Nachwuchs für Ingenieurberufe zu begeistern. "Das ist ganz klar Werbung", erklärt hingegen Pädagogikprofessorin Matthes gegenüber AUTO BILD. Die allerdings ist an Schulen in den meisten Bundesländern verboten. Das NRW-Schulministerium argumentiert, die Daimler-Materialien seien trotzdem in Ordnung, weil "die Werbewirkung hinter dem schulischen Nutzen zurücktritt". Felix Kamella von der Organisation Lobby Control sieht das kritisch. Bestehende Regeln im Umgang mit Unternehmen gingen nicht weit genug. Kamella fordert: "Politik und Schulen müssen bei dem Thema wachsamer sein." Als Orientierungshilfe für Lehrer bewertet der Verbraucherzentrale Bundesverband externe Lehrmaterialien. Bei den Verbraucherschützern schnitt beispielsweise die Unterrichtsmappe "Mobil im Klimaschutz" von VW schlecht ab. Das Infomaterial suggeriere, dass man trotz Erderwärmung auch in Zukunft bedenkenlos Auto fahren könne, wenn man nur einige Tipps beherzige: "Keine Kavalierstarts", "Regelmäßiger Fahrzeugcheck", "Bei Stau Motor abstellen". Fahrrad, Bahn oder Bus nutzen? Kein Thema für die Verfasser. Man merke dem Material "deutlich an, wer es bezahlt und herausgegeben hat", heißt es im Urteil. Note: Ausreichend. Bei den vermittelten Inhalten zeigen sich die Autohersteller derweil flexibel: Noch 2008 erklärte BMW den Schülern auf 55 Seiten, Wasserstoff sei die "Mobilität der Zukunft". Fünf Jahre später ist das Lehrmaterial verschwunden - BMWs neue Modellreihe "i" setzt auf batteriebetriebene Elektroautos. (Auto-Reporter.NET)

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