Kommentar: Die Zahnpasta ist aus der Tube

8. September 2010

Das Demokratiegebälk der Bundesrepublik zeigt sich jedes Mal morscher, wenn die im Grundgesetz verankerte Meinungsfreiheit gejagt wird, als sei sie vom Teufel in das Gesetzeswerk hineingeschrieben worden. Schon vor dem „Fall Sarrazin“ bewiesen ganz ähnliche Vorgehensweisen, wie brüchig das auf kurzem Weg als deutsche Verfassung übernommene Grundgesetz mittlerweile geworden ist.

Zugebilligte Meinungsfreiheit hat sich offenbar zwischen political correctness und Parteidisziplin zu bewegen, wie diesmal die Debatte um Sarrazins Buch erkennen lässt. Verantwortungsträgern des Landes aber müsste nicht in aller Deutlichkeit jahrlanges Wegsehen von aufgestauten ernsten Problemen vorgehalten werden, nähmen sie für voll, worauf sie ihren Eid leisteten. Ab und zu scheint es durchaus nötig zu sein, daran zu erinnern, dass es zuerst verdammte Pflicht der Regierenden ist, das deutsche Volk vor Schaden zu bewahren, wo immer er sich anbahnen möge.

Überaus Dringliches hat Sarrazin in seinem Buch angemahnt und mit beunruhigenden Fakten zwangsläufig auch zahlreiche Tabus gebrochen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr! In die aufgeregte Hilflosigkeit der Politik passt das Bild von der Zahnpasta, die sich – ist sie erst einmal aus der Tube – trotz größter Mühen nicht wieder hineindrängen lässt.

Der Meinungsfreiheit mit Respekt zu begegnen, ist beim politischen Schlagabtausch in unserem Lande offensichtlich keine Selbstverständlichkeit. Andersmeinenden in Talkshows das Wort abzuscheiden, in die dumme Ecke zu stellen oder gar nicht erst einzuladen, erweist sich als komplikationsloser. Demokratie aber stellt man sich anders vor.

So lange in Deutschland immer wieder Leute von Rang und Namen mit wenig politikkonformen Auffassungen an den Pranger kommen, um anschließend geächtet, kaltgestellt oder – wie Sarrazin aktuell – sogar bedroht werden, stimmt etwas nicht. Solche Fälle häufen sich. Das macht Angst.

Meinungsfreiheit! Ein Thema durchaus auch für Motorjournalisten und deren Umfeld. Auf Meinungsfreiheit hat sich nicht zuletzt die Brücke zwischen Medien und Fahrzeugherstellern zu gründen. Die Autobranche muss eine Vielfalt journalistischer Ansichten und Wertungen aushalten. Es gelingt ihr. Wie sich öfter zeigt, nimmt sie selbst heftige und nicht unbedingt immer gerechtfertigte Kritik hin. Weil es heute zwar unzählige gute, aber keine schlechten Autos mehr gibt, kratzen motorjournalistische Urteile – bildlich gesprochen – doch ohnehin nur mehr oder weniger am Lack. Derjenige, der glaubt, den Scharfrichter spielen und eine automobile Neuerscheinung verbal in den Shredder schicken zu müssen, hält sich möglicherweise für einen Adler, ist vermutlich aber nur ein eitler Pfau. (Auto-Reporter.NET/Wolfram Riedel)

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