Kommentar: „Feindbild“ Motorradfahrer

30. Mai 2011


Seit Kurzem macht eine Botschaft die Runde in den Medien: Motorräder dürfen fortan auch kleine Nummernschildern im US-Format haben. Die unbeliebten großen „Kuchenbleche“ sind nicht mehr zwingend vorgeschrieben. Das Gros der Motorradfahrer wird die neue Schilder-Verordnung zufrieden kommentieren: „Na endlich!“ Ich sage das auch. Denn jahrelang waren die vergleichsweise riesigen Kennzeichentafeln ein Ärgernis, wenn auch kein wirkliches Problem. Sehr viel mehr beschäftigt und missfällt uns Motorradfahrern, dass wir offenbar für alle Zeiten eine Art Feindbild abgeben; im Grunde davon abgeleitet, dass wir im Straßenverkehr häufig einfach die besseren Karten haben. Dazu verhelfen der geringe Platzbedarf unserer Maschinen, aber auch deren vorteilhaftes Verhältnis von Motorleistung und Fahrzeuggewicht, das beim Beschleunigen deutlich wird.

Genau genommen steht in der Kritik, was die Fahrzeuggattung Motorrad möglich macht. Deshalb wünschten sich Biker, Autofahrer würden ab und zu verinnerlichen, dass auch Pkws – egal, ob Limousinen, Vans, Cabriolets oder SUVs – sehr viel schneller, spurtstärker und flexibler sind als etwa Reisebusse oder Lkws. Niemand nimmt Anstoß daran, dass der offenkundige Vorteil eines Pkws ganz selbstverständlich genutzt wird.

Leider aber gibt es unter Motorradfahrern wie Autofahrern Naturen, deren ungezügelte Fahrweise geistige Kurzschlüsse vermuten lässt. Diese Unbedarften sind es, deren Eskapaden im Straßenverkehr ein Zerrbild von der gesamten Gilde entstehen lassen, das sich so rasch nicht korrigieren lässt. Weil es an der Front solcher Unruhestifter offenbar nicht an Nachschub mangelt.

Hohe Fahrgeschwindigkeit ist zum Pauschalvorwurf gegenüber Bikern geworden. Prompt werden Unfälle zuerst aufs Tempo zurückgeführt. Wie oft aber werden Motorräder schlichtweg übersehen! Beobachten lässt sich beispielsweise öfter, dass Fußgänger, die vorhaben, die Fahrbahn zu überqueren, von ihrem Vorhaben ablassen, wenn sich ein Bus oder Lkw nähert. Von einem großen Objekt geht schließlich, so die banale Schlussfolgerung, entsprechend große Gefahr aus. Weit geringer scheint die Gefährdung zu sein, wenn sich ein Motorrad nähert. Da wird schon mal entschlossen losgegangen, lässt die schmale Silhouette eines Zweirads doch fälschlicherweise annehmen, dass die Gefahr noch weit entfernt ist. So kann man sich täuschen.

Die Sicherheit der Motorradfahrer auf der Straße zu verbessern, hat die Deutsche Verkehrswacht jetzt auf ihrer Jahreshauptversammlung gefordert. Es gehe darum, die Infrastruktur viel stärker an die Bedürfnisse der Motorradsicherheit anzupassen. Leben retten könne etwa ein flächendeckender Unterfahrschutz an Leitplanken, sagt der Präsident der Deutschen Verkehrswacht, Kurt Bodewig. Der Mann hat recht. Offensichtlich sind die stählernen Leitplanken einst entwickelt worden, ohne auch nur im Entferntesten daran zu denken, dass sie Motorradfahrern schwerste Verletzungen zufügen können. Lange, sehr lange hat es gedauert, bis die besonders gefährlichen stählernen Stützen der Leitplanken wenigstens in einigen Kurvenbereichen mit einem abblendenden Unterfahrschutz etwas entschärft wurden. Noch immer ist solche Vorsorge aber – bundesweit betrachtet – eher die Ausnahme.

An Motorradfahrer wird offensichtlich auch nicht gedacht, wenn Straßenschäden mit einer Bitumenfüllung „geflickt“ werden. Solche Flickstellen setzen die Haftreibung von Reifen herab. Vor allem in Kurven sind die „schwarzen Flecken“ von Übel. Als tückisch erweisen sich auch Rillen, die in Fahrbahnen gefräst werden, um sie abzustumpfen. Die Rillen haben eine „Zwangsführung“ der Reifen einspuriger Fahrzeuge mit entsprechend labilem Fahrverhalten zur Folge.

Unter erschwerten Bedingungen, etwa auf nasser Fahrbahn, oder in kritischen Situationen ein Motorrad sicher abzubremsen, gelingt mit ABS nachweislich sehr viel besser. Deshalb sollen nach der Vorstellung der Deutschen Verkehrswacht in Deutschland spätestens 2015 alle Motorräder ab 125 ccm mit ABS ausgestattet werden. Hätten all diese Motorräder ein Antiblockiersystem, ließe sich die Zahl getöteter Motorradfahrer in den nächsten zehn Jahren europaweit um 5.000 reduzieren, belegt eine Nutzenanalyse für die EU-Kommission.

Für dringlich hält die Verkehrswacht ebenso, die Einführung automatischer Notrufsysteme (E-Call) für Motorradfahrer zu prüfen. Denn werde ein Unfall auf einer wenig befahrenen Landstraße nicht frühzeitig bemerkt, sei ein solches System die einzige Möglichkeit, einen Notruf abzusetzen.

In diesem Zusammenhang erinnert der rührige Verein daran, dass das Risiko, bei einem Motorradunfall tödlich zu verunglücken, in Europa 18-mal höher sei als bei einem Pkw-Unfall. Im Jahr 2008 starben in der Europäischen Union 5.520 Motorradfahrer im Straßenverkehr, im selben Jahr verunglückten allein in Deutschland 656 Motorradfahrer tödlich.

Die hohe Gefährdung eines Motorradfahrers steht außer Frage. Anders als allgemein angenommen, ist eigenes Fehlverhalten aber nicht häufigste Unfallursache. Unfallanalysen ergaben zwar, dass Motorradfahrer bei einem Drittel aller Zweiradunfälle „mindestens eine Teilschuld“ haben, aber nach wie vor werden sie vor allem Opfer des Fehlverhaltens anderer.

Dennoch schlussfolgern Wissenschaftler der Unfallforschung der Versicherer (UdV) nach der Analyse von Unfällen auf deutschen Straßen, Motorradfahrer sollten aufhören, sich in der Opferrolle zu sehen. Diese Auffassung entspricht nicht dem realen Unfallgeschehen! Sie taugt bestenfalls für eine polemisierende Schlagzeile. Weiter bringt diese jedoch nicht. (Auto-Reporter.NET/Wolfram Riedel)

{ 0 comments… add one now }

Leave a Comment

Previous post:

Next post: