Le-Mans-Countdown, Teil 11: Bester Kompromiss für 24 h gesucht

15. Mai 2010

Die Generalprobe zum 24-Stunden-Le-Mans-Marathon in Spa ist gelaufen. Nicht ganz zufrieden mit dem Ergebnis war auch Rekordsieger Tom Kristensen. Aber getreu dem Motto: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, hakt er die am vergangenen Wochenende gemachten Erfahrungen als „echter, aggressiver Racer“ ab, konzentriert sich voll und ganz auf das entscheidende Wochenende im Juni und schwärmt in seiner aktuellen Kolumne von der Faszination der Strecke bei Nacht. Für viel Adrenalin und höhere Herzschläge sorgen da vor allem die „blinden“ Porsche-Kurven. Aber in diesem Jahr ist für besseren „Durchblick“ gesorgt. Die Audi-Techniker haben zusätzliche Scheinwerfer spendiert.

„Das 1.000-Kilometer-Rennen in Spa-Francorchamps am vergangenen Wochenende hat uns einen kleinen Vorgeschmack auf Le Mans geboten. Ich bin ziemlich sicher, dass die Autos von Audi und Peugeot im Juni auf einer Augenhöhe sein werden und sich die Zuschauer auf ein extrem spannendes Duell freuen dürfen.

Natürlich waren wir etwas enttäuscht, das Rennen in Spa nicht gewonnen zu haben. Wir haben kurz vor Rennende auf Intermediates gesetzt. Leider hat der Regen zu früh wieder aufgehört, und so haben wir auf der schnell abtrocknenden Strecke zwei Runden vor Schluss sogar noch den zweiten Platz verloren. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt – und wir sind nun einmal echte, aggressive Racer.

Der Testeinsatz unter Rennbedingungen in Spa hat uns wie gewünscht viele wichtige Erkenntnisse für Le Mans gebracht. Unser R15 TDI war im Le-Mans-Trimm unterwegs, also mit relativ wenig Abtrieb. Dadurch haben wir in den Kurven, speziell in Sektor zwei, viel Zeit verloren, vor allem im Regen. Beim Beschleunigen und auf den Geraden waren wir aber schnell – und darauf kommt es in Le Mans ganz besonders an.

Die Wetterkapriolen, die wir in Spa erlebt haben, kann es auch in Le Mans geben. Man muss bei diesem Rennen auf alles vorbereitet sein: strömenden Regen wie bei unserem ersten Sieg mit dem TFSI-Motor in der Saison 2001, große Hitze wie im Jahr 2002 oder wechselhaftes Wetter wie bei unserem bisher letzten Le-Mans-Sieg 2008, als wir im richtigen Moment immer genau die richtigen Entscheidungen bei der Reifenwahl und Strategie getroffen haben und so die damals schnelleren Peugeot schlagen konnten.

Doch selbst bei stabilem Wetter muss man sich in Le Mans auf verschiedene Bedingungen einstellen. Die Strecke verändert sich im Laufe des Rennens permanent. Nicht nur wegen der Temperaturen, auch weil mit jeder Runde mehr Gummi auf den Asphalt kommt und sich dadurch die Gripverhältnisse ändern. Das muss man – mit Feedback der drei Fahrer – bei der Abstimmung des Fahrzeugs berücksichtigen. Da man während des Rennens keine großen Modifikationen am Auto vornehmen kann, braucht man den besten Kompromiss für die 24 Stunden. Deshalb nimmt man durchaus in Kauf, in der Anfangsphase etwas Zeit zu verlieren – zum Beispiel durch ein etwas untersteuerndes Auto, das im Laufe des Rennens aber immer besser wird. Oder durch weichere Reifen und eine andere Balance in der Nacht. Das ist einer der Gründe, weshalb Le Mans so spannend ist: Selbst wenn ein Auto am Anfang dominiert, bedeutet das noch lange nicht, dass dies 24 Stunden lang so bleiben muss.

Als Fahrer in Le Mans muss man sich zudem auf die verschiedenen Lichtverhältnisse einstellen: Sonne, Abenddämmerung, Dunkelheit bei Nacht und die hell aufgehende Sonne am Sonntagmorgen, die einem teilweise die Sicht nimmt. Mit verschiedenen Visieren und Abreißschichten am Helm versuchen wir, immer den optimalen Durchblick zu haben.

Besonders faszinierend ist in Le Mans natürlich die Nacht. Das Gefühl für Geschwindigkeit ist im Dunkeln ein ganz anderes. Alles wirkt noch schneller. Das sorgt für mehr Adrenalinausstoß und höheren Herzschlag – vor allem in den ‚blinden’ Porsche-Kurven mit weit über 240 km/h.

Ganz wichtig sind für uns dabei gute Schweinwerfer. Im vergangenen Jahr waren wir Fahrer mit den Scheinwerfern unseres R15 TDI nicht ganz zufrieden. Die Techniker von Audi Sport haben auf unsere Wünsche gehört und dem R15 plus auf jeder Seite einen zusätzlichen Scheinwerfer spendiert – und zwar jene neuen Voll-LED-Scheinwerfer, wie sie bereits im Audi R8 zum Einsatz kommen und künftig in immer mehr Serienfahrzeugen von Audi zu finden sein werden.

Das ist ein schönes Beispiel, wie in Le Mans die Verbindung zwischen Serie und Motorsport funktioniert. Für die LED-Scheinwerfer ist das Rennen in Le Mans ein ganz besonderer Test unter extremen Bedingungen. Die Techniker aus der Serienentwicklung bei Audi sind gespannt auf unser Feedback, das beim 30-Stunden-Test in Le Castellet sehr positiv ausgefallen ist: Die Ausleuchtung ist fantastisch und auf den Scheitelpunkt der Kurven gerichtet, und die LED-Scheinwerfer sehen auch von außen spektakulär aus.

Deshalb ist die Entscheidung gefallen, diese neuartige Technologie auch im Rennen in Le Mans einzusetzen – wir wollen jeden noch so kleinen Vorteil, den wir gegenüber Peugeot und auch den anderen Teams haben können, nutzen."

Ihr Tom Kristensen

(auto-reporter.net)

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